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30. November 2017

FPÖ-Bürgermeister Florian Kasseroler im Interview

Florian Kasseroler ist seit 14 Jahren Bürgermeister von Nenzing

Herr Kasseroler, kommendes Jahr ist Ihr 15-jähriges Jubiläum als Bürgermeister. Wie sind Sie ursprünglich in die Politik gekommen?

Mein Vorgänger im Amt hat mich gebeten, ihn im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit für die Gemeinde zu unterstützen. Bei dieser Tätigkeit wurde auch mein Interesse für die Politik geweckt. In meiner ersten Funktion als Gemeinderat für Soziales konnte ich dann sehr schnell erfahren, welche Gestaltungsmöglichkeiten die Gemeindepolitik bietet.

Bei den vergangenen drei Direktwahlen wurden sie klar im Amt bestätigen – 2015 mit fast 74 Prozent der Stimmen. Wie gehen sie mit so viel Macht um?

Über ein hohes Vertrauen in der Bevölkerung zu verfügen, ist für mich ein Arbeitsauftrag und hat nichts mit politischer Macht im klassischen Sinne zu tun. Wenn zur Umsetzung von guten Projekten Macht und absolute Mehrheiten eingesetzt werden müssen, ist meistens schon im Vorfeld etwas schief gelaufen. In Nenzing ist die gute und wertschätzende Zusammenarbeit aller politischen Fraktionen wahrscheinlich eines der Geheimnisse für die überaus erfreuliche Entwicklung.

Die Zeiten für Bürgermeister werden schwieriger – Stichwort Haftungen. Wie geht man damit um, wie schützt man sich? Und was würden Sie einem neu gewählten Bürgermeister oder Bürgermeisterin empfehlen?

Ein neu gewählter Bürgermeister muss sich heute leider im Klaren sein, dass er ohne eigenes Verschulden zum Spielball von Parteipolitik, von wirtschaftlichen Interessen, der (digitalen) Medien oder der Justiz werden kann. Wenn hier nicht dringend gegen gesteuert wird, sehe ich für die Zukunft viele leere Bürgermeistersessel.

Vorarlberg liegt was den Anteil der Frauen in der Kommunalpolitik betrifft mit 7,3 Prozent (Ö: 6,7 %) nur knapp über dem Durchschnitt in Österreich. Wie sieht das in Nenzing aus ?

Sowohl im Gemeindevorstand als auch in der Gemeindevertretung liegt der Frauenanteil bei 20 Prozent. Das ist zwar wesentlich besser als im österreichischen Schnitt, trotzdem wäre da noch viel Luft nach oben.

Wie sieht es mit den Jungen in der Gemeinde aus?

Hier kämpfen die politischen Organisationen, wie viele Vereine auch mit der Tatsache, dass sich vor allem junge Menschen nicht mehr längerfristig binden möchten. Dieser gesellschaftlichen Entwicklung lässt sich nur mit einem konstruktiven Arbeitsklima in der Gemeindestube begegnen, denn kein Mensch hat es mehr nötig, sich in seiner Freizeit mit womöglich parteipolitisch motiviertem Hickhack zu beschäftigen.

Ein Blick auf die Website der Gemeinde zeigt, dass Nenzing sehr aktiv ist, was Gemeindeprojekte und Kooperationen der Gemeinde betrifft. Gibt es ein Lieblingsprojekt des Bürgermeisters?

Was Kooperationen anbetrifft ist es sicher das Walgaubad. Diese wichtigste Freizeiteinrichtung in der Region wurde drei Jahren von 14 Walgaugemeinden gemeinsam errichtet und wird auch gemeinsam betrieben wird. Dieses erfolgreiche Beispiel zeigt, was alles möglich ist wenn Gemeinden an einem Strang ziehen. Mit solchen Leuchtturmprojekten lässt sich zudem auch die Sinnhaftigkeit regionaler Zusammenarbeit bei den Bürgern gut argumentieren.

Nenzing hat gleich mehrere Vorzeigeprojekte, bei denen es um frühe Sprachförderung, Flüchtlingshilfe und Integration geht. Wie sind die Erfahrungen?

Wir hatten über viele Jahre während den Jugoslawien-und den Tschetschenien Konflikten das größte Flüchtlingsheim des Landes im Ort. Daraus ist eine gewisse Erfahrung im Umgang mit solchen Ausnahmesituationen gewachsen. Meine Mitarbeiter und die Bevölkerung leisten auch in der jetzigen Situation weit mehr als man erwarten kann. Das führt schlussendlich auch zu einem etwas entspannteren Umgang mit diesem schwierigen Thema.

Wie schaut es mit der Pflege im Ort aus? Und wie stehen Sie zur Thematik rund um die Abschaffung des Pflegeregresses?

Mit dem „Haus Nenzing“ haben wir eine Vorzeigeinrichtung in unserer Gemeinde. Sie beherbergt nicht nur 13 Wohneinheiten für betreutes Wohnen, das klassische Pflegeheim und eine Abteilung für junge Pflegebedürftige. Auch eine Abteilung für Schwerstpflegebedürftige und die geriatrische Remobilisation nach Spitalsaufenthalten gehören zum Pflegekonzept. Die ohne Berücksichtigung der Folgekosten und ohne Einbindung der Gemeinden beschlossene Abschaffung des Pflegeregresses zeigt die klassischen Symptome von Vorwahlfieber. Hier ist es wichtig, dass alle österreichischen Gemeinden Geschlossenheit zeigen und aufzeigen dass es so nicht geht.

Als erste Gemeinde Österreichs hat Nenzing unlängst gemeinsam mit der Gemeinde Mäder die anspruchsvolle Zertifizierung zur „Gemeinwohlökonomie“ erreicht. Worum ist es da gegangen?

Aufbauend auf den Werten Menschenwürde, Solidarität, ökologische Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit, Mitbestimmung und Transparenz ermöglicht die Zertifizierung und der Gemeinwohlbericht für Gemeinden eine umfassende Darstellung ihrer Akivitäten. Wir haben uns diesem Thema mit unseren Mitarbeitern intensiv gewidmet und wir nutzen den Gemeinwohlgedanken im Sinne eines kontinuierlichen Verbesserungsprozesses.

Als Obmann der Regionalplanungsgemeinschaft engagieren sie sich auch für die 40.000 Einwohner starke und sehr erfolgreiche Region Walgau? Wo liegt da ihre Motivation?

Meiner Gemeinde kommt aufgrund ihrer Lage und ihrer Größe auch eine besondere Verantwortung für die Entwicklung der Region zu. Diese Verantwortung nehmen wir wahr und bringen uns konstruktiv ein. Dass sich die Region Walgau zudem in den vergangenen Jahren den Titel einer landesweiten benchmark in Sachen regionaler Zusammenarbeit erarbeitet hat motiviert mich natürlich zudem.

Was fehlt in Nenzing?

Man muss auch einmal zufrieden sein. Wir haben alles was wir brauchen. Jetzt geht es darum, die Gemeinde behutsam weiter zu entwickeln und die insbesondere im Bildungsbereich nötigen Investitionen so zu gestalten, dass auch den Generationen nach uns noch der nötige finanzielle Spielraum bleibt.

Was ist Ihnen für die Zukunft ihrer Gemeinde besonders wichtig?

Mir ist es besonders wichtig, dass neben der guten Entwicklung im Bereich der Infrastruktur und der Wirtschaft auch jene Qualitäten nicht verloren gehen, die eine Dorfgemeinschaft ausmachen. Ein gutes Vereinsleben, Solidarität mit Hilfsbedürftigen, Nachbarschaftshilfe und eine gemeinsame Verantwortung für den eigenen Lebensraum zeichnen schlussendlich die Lebensqualität eines Dorfes aus. Das ist uns in Nenzing bisher so glaube ich ganz gut gelungen.

Der Mensch hinter dem Bürgermeister

Zuhause ist für mich …

… der Ort an dem ich mich geborgen fühle und wo ich sein kann wie ich bin

Das will ich unbedingt noch erleben...

Dass auf der Welt keine Waffen mehr produziert werden

Wovor haben sie Angst?

Dass sich die Menschheit vor lauter Gier selbst um ihre Zukunft bringt

Wie würden sie sich selbst beschreiben?

Konsensorientiert, ungeduldig, einfühlsam und zielstrebig

Mein Leitspruch:

Leben und leben lassen

(Quelle: KOMMUNAL, Magazin des Österreichischen Gemeindeverbandes)

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