Nicht mit uns: “Moschee mit Minarett für jedes Bundesland”

In unserer Rubrik “Aufgeschnappt” wollen wir Platz schaffen für Artikel und Leserbriefe zu interessanten Themen aus der Welt der Politik. Heute ein Artikel aus der “Wiener Zeitung” vom Sonntag 22.August 2010. Interview von Anas Schakfeh mit der APA …

Der Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft (IGGiÖ), Anas Schakfeh, wünscht sich langfristig in jeder Landeshauptstadt Österreichs eine nach außen erkennbare Moschee inklusive Minarett. “Das ist die Hoffnung für die Zukunft”, sagte er im APA-Interview. Mit seiner Ablöse nach den anstehenden Wahlen rechnet Schakfeh im Juli 2011, weiter erhofft er sich, dass die in der Öffentlichkeit bestehenden Klischee-Bilder von Muslimen korrigiert werden.

Schakfeh ist davon überzeugt, dass auf lange Sicht zumindest in jeder Landeshauptstadt ein adäquater Gebetsraum – also auch mit Minarett – stehen wird. “Denn auf lange Sicht kann man Menschen nicht verbieten, ihre wirkliche religiöse Freiheit, die verfassungsgeschützt ist, auszuüben.” So hätten etwa evangelische Christen noch vor rund 150 Jahren keine Kirchen mit Türmen errichten dürfen, nun störe das niemanden mehr. “Deshalb bin ich für die Zukunft optimistisch, dass es irgendwann zu einer Normalität kommt”, so Schakfeh.

“Selbstverständlich können wir auch in Moscheen ohne Minarett beten”, so Schakfeh, “aber eine Kirche hat eine Struktur, eine Architektur. Und eine Moschee hat auch eine Architektur”. Und wie bei christlichen Kirchen gebe es auch bei islamischen Gebetshäusern unterschiedliche Stile. “Es kann sich ein Stil für Mitteleuropa entwickeln”, glaubt der IGGiÖ-Präsident. Man könne aber Kompromisse bei der Höhe der Minarette eingehen, auch Lautsprecher müssten nicht angebracht sein.

“Anzahl der Bethäuser nicht ausreichend”

“Die Anzahl der muslimischen Bevölkerung ist bei einer halben Million angelangt, was wir an Bethäusern haben, reicht nicht aus”, betont Schakfeh die Notwendigkeit, die Infrastruktur für die Muslime auszubauen. Durch die anstehenden Wahlen plant die Glaubensgemeinschaft auch, kurzfristig in jeder Landeshauptstadt zumindest ein Verwaltungsgebäude zu betreiben. Derzeit gebe es dies neben Wien noch in Graz, Bregenz und Linz. In Klagenfurt wurde soeben ein Objekt gefunden. Die Büros sollen neben Anlaufstellen für Muslime auch Informationsstellen für am Islam Interessierte sein.

Die Einrichtung eines Klagenfurter Büros kommt nicht zufällig: Ab November wählen die Muslime in Österreich – auf Basis der neuen, lange erkämpften Verfassung – eine neue Vertretung. Den Beginn macht Kärnten, im April 2011 wird Wien als letztes Bundesland an der Reihe sein. Derzeit registrieren sich viele der geschätzten 500.000 Muslime in Österreich. Wie viele registrierte Mitglieder die IGGiÖ letztendlich haben wird, kann Schakfeh noch nicht sagen, er rechnet mit mehreren 10.000. Ein Zwischenstand soll im September präsentiert werden.

“Sind besser als unser Ruf”

Die Anlaufstellen und die stärkere Präsenz der Muslime in der Öffentlichkeit sollen auch helfen, Vorurteile abzubauen. “Das falsche Bild kann man nicht einfach durch plakatieren oder reden verbessern, sondern die Praxis wird das machen.” Je mehr Menschen etwas mit Muslimen zu tun hätten, desto besser.

“Natürlich sind nicht alle Muslime Engel, wir sind normale Menschen wie alle anderen auch. Aber wir sind viel besser als unser derzeitiger und bisheriger Ruf.” Nicht irritieren lassen sollten sich die Menschen dabei von Meldungen aus dem Ausland, etwa über Terror-Anschläge. “Die schaden uns immer. Wir sind ganz bestürzt darüber, dass so etwas geschieht.”

Als eine der Errungenschaften seiner Amtszeit sieht Schakfeh, dass der Islam

- nicht nur in Österreich – inzwischen zu einer anerkannten Institution geworden ist. “Wir werden nicht mehr als eine Ausländerorganisation betrachtet, nicht mehr als Exoten.” Nach der Wahl der Muslime ist es Zeit für den bereits vor Jahren angekündigten Rückzug Schakfehs ins Privatleben.

Sentimental wird er bei diesem Gedanken nicht: “Nein, ich warte drauf. Meine Aufgabe ist dann erledigt.” Der scheidende Präsident überlegt sich, ein Buch über Islam zu schreiben – eine “Innensicht”.