Silvia Benzer: Mut zur Bildungsreform!

Die aktuelle Stunde vom 18.11.2009 zum nachschauen: http://www.vorarlberg.at/landtag/landtag/news-box/liveuebertragungen/aktuellestunde/18_11_2009.htm

Welchen Bildungsbereich wir auch hernehmen – vorschulische Bildung, Ausbildung im Pflichtschulbereich bis hin zum Universitätsstudium – an allen Ecken und Enden stehen Reformen an. Wenn wir über Mut zur Bildungsreform diskutieren, dann müssen wir auch darüber reden, warum wir überhaupt vor einem solchen Reformstau stehen.Mit der Unterschiedlichkeit der Kinder und Jugendlichen umzugehen, ist derzeit wohl die allergrößte Herausforderung vor der wir stehen. Zumal es sich ein Land wie Österreich, speziell Vorarlberg, deren wertvollste Ressourcen/Schätze die Menschen sind, kaum leisten kann, Kinder und Jugendliche zurückzulassen.

Reform im Bereich der VMS – Vorarlberger Mittelschule

Was führte denn dazu, dass sich die Hauptschulen über den Weg der „Vorarlberger Mittelschule“ neu orientieren mussten? Welche Ziele stecken hinter der Mittelschule, entsprechen die Ziele den heutigen Bedürfnissen und führt dieser Weg dazu, dass Probleme, wie eine zu frühe Entscheidung über den weiteren Bildungsverlauf eines Kindes, gelöst werden?

• Vorneweg: Anstrengungen werden begrüßt, Zeitpunkt wurde erkannt, erste Schritte wurden gesetzt, über die Größe und die Richtung kann und muss diskutiert werden.

• Schließlich sind von 56 ehemaligen HS 52 VMS, bedeutet: beinahe das gesamte Bundesland hat sich auf die Reise gemacht.

• Vor diesem Hintergrund braucht es weitsichtiges und verantwortungsvolles Überlegen und Positionieren. Wohin geht die Reise? Zu welchem Ziel wollen wir gelangen?

• Als Bildungsverantwortliche müssen wir, vor allem sollten Sie Herr LR Stemer, Antworten auf diese Fragen haben und geben.

• Schulversuch, der auf vier Jahre angelegt ist. Was folgt anschließend? Wo stehen wir dann?

• Wo befindet sich das Projekt Vorarlberger Mittelschule in Bezug auf Auflösung der Leistungsgruppen bzw. wie soll das nun umgesetzt werden. Immerhin das Kernstück des genehmigten Schulversuches.

• Verunsicherung wegen der Beurteilung in 2 Stufen:

Noten der VMS sind nicht definiert.

Was bedeutet ein HS 2er in der VMS? Die Definition/die Wertung fehlt! Mittelschüler, die vorher in der 3. LG waren sind das Problem, sie fahren nur noch schlechte Noten ein.

• Wie schaut es mit der Zusammenarbeit mit den AHS aus? Mit den Projekten?

Müssen nicht auch die AHS in Richtung Entwicklung offener Unterrichtsformen starten?

Ist es nicht so, dass im Moment alles Augenmerk auf die HS gelegt wird und die sich vor lauter Änderungen bald im Kreise drehen?

• Führt dieser Weg in die richtige Richtung?

• Sind auch die betroffenen Lehrer der MS davon überzeugt?

• Ist das Ziel allen klar? Welches Ziel wird angestrebt?

• Geht dieses Konzept wirklich auf?

Wenn Bildungsverantwortliche den Weg nicht vorgeben, wird er ihnen vorgegeben. Auch die AHS müssen einsteigen! Mittelschultage allein nützen nichts! Es muss auch Schulentwicklungsarbeit im Bereich der AHS stattfinden. Beispiel: GALLUS

Es braucht gemeinsame Anstrengungen – Mut dies auch zu sagen, in den Mund zu nehmen, langfristig führt kein Weg an einer Gesamtschule, einer gemeinsamen Schule der 10 – 14 Jährigen vorbei, auch um den Druck von den Volksschulen wegzunehmen.

Fragen, die gestellt werden müssen:

Wie können wir es schaffen, dass die Entwicklung der Kompetenzen der Kinder im Vordergrund steht? Und nicht: Was geschieht, wenn mein Kind keine Empfehlung fürs Gymnasium erhält?

Welches ist der Maßstab für den Lernerfolg?

Sind es die Noten, das Fachwissen? Gehört nicht auch die Fähigkeit der Selbstorganisation dazu?

Voraussetzung allerdings für so eine Schule sind für mich: genug Ressourcen, sprich genug Unterrichtseinheiten, genug Lehrer, genug zusätzliches pädagogisches Personal und eine adäquate Ausstattung der Schulen mit Material und Räumlichkeiten. Dieses Gesamtpaket ist Voraussetzung. Weg von der Idee, Kinder bereits mit 10 Jahren auf eine festgelegte Laufbahn zu setzen: der eine auf die Universität, der andere in die Lehre. Es geht nicht darum, Schüler auszusortieren, sondern jeden Einzelnen zur Leistung zu motivieren.

„We believe, kids achieve“ Kanadisches Motto (Kanada lässt seine Schüler gemeinsam lernen bis zum 16. Lebensjahr).

Finnland und Kanada hatten bei ihrer Bildungsreform einen ganz wichtigen Vorteil. Die Reformen wurden von einer breiten politischen und gesellschaftlichen Mehrheit getragen. Machtspiele der beiden Großparteien, solange Bundesländer und Großparteien sich nicht einig sind, nützt der Blick über den Zaun nicht wirklich viel.

• Entwicklung braucht Zeit – kein Thema

• Entwicklung braucht ein Konzept – liegt nicht wirklich vor

• Entwicklung darf nicht stehen bleiben – Bildungsplan/Masterplan erforderlich

Erfolgreiche Bildungssysteme haben Gemeinsamkeiten: Individuelle Betreuung statt Auslese und viel Eigenverantwortung für die Schulen. Wie kommen wir dahin? Masterplan – Bildungsplan

Reform im Bereich der Ganztagsschule (verschränkte Form)

Derzeit stehen wir vor der Situation, dass wir in Vorarlberg Schulen mit Vormittagsunterricht mit oder ohne Betreuung haben und wir Schulen haben, die mehr Nachmittagsunterricht als andere haben und welche sich überlegen, Ganztagsschulen zu werden.

Welchen Weg Vorarlberg gehen soll, sie outen sich nicht.

Sollen nicht alle Kinder die gleichen Angebote, die gleichen Bildungschancen haben?

Doch waren nicht Sie es Herr Landesrat Stemer der vor einigen Jahren zum Schulschluss die Leiter der APS zu einem Vortrag über die Ganztagsschule in Friedrichshafen eingeladen hat.

Was wollten sie mit dieser Botschaft bewirken?

Ich bin ja dafür, aber ich getraue es mich nicht zu sagen?

Zu ihrer Information:

Eine Grundschule mit einer angeschlossenen Hauptschule und einer Werkrealschule, bei der die Jahrgänge 1 und 2 die Wahl der Teilnahme am Ganztagsbetrieb haben und die Jg 3 bis 10 verbindlichen Ganztagsbetrieb haben.

Auf diese Weise können die Schwächeren die Zeit für ihre Entwicklung bekommen, die sie brauchen und können Spitzenleister ihre eigenen Wege gehen, die sie mehr fordern als ein Unterricht im Gleichschritt.

Hausaufgabenprobleme wären gelöst, Reduktion der privaten Nachhilfe wäre ein nicht unsympathischer Effekt und die Familien wären entlastet und könnten Familie sein.

Wie sollen denn die Schulen Reformen durchführen, wenn nur der kreative Rahmen erweitert wird, hingegen der finanzielle Rahmen enger und enger wird.

Strukturänderungen allein können nicht Allheilmittel sein, aber die falschen Strukturen sind mehr als hinderlich.

Dass unsere Strukturen nicht unbedingt richtig sind, beweisen Pisa, Timms, Pearls usw., beweisen Nachhilfemärkte, deren Umsätze in die Höhe schnellen, beweisen die Anstürme auf die privaten Bildungseinrichtungen und wenn ein Fünftel der Pflichtschulabgänger nicht sinnerfassend lesen kann, wenn die Burnouts unter den Pädagogen an der Tagesordnung sind, dann ist die Zeit für Reformen nicht nur reif, sondern überreif.

Reform im Bereich Anstellung Pädagogen

• Pool für Personalreserve, siehe Schweiz

• Nicht immer leichte Arbeitsbedingungen für Lehrer, hausgemachte Verschlechterungen kommen noch dazu.

Reform im Bereich der Sprachförderung

• Erkennen der Wichtigkeit, dass die deutsche Sprache beherrscht wird

• Wichtigkeit des Erlernens mindest einer, besser: zwei Fremdsprachen.

Neuronale Fenster: Das Gehirn erwartet, bis zum achten, spätestens jedoch bis zum 10. Lebensjahr alle notwendigen Spracherfahrungen gemacht zu haben. Das gilt vor allem im Bereich der Muttersprache.

• Deutsch vor Schuleintritt ist wichtig, in Finnland und Kanada 6 Monate lang in Kleingruppen auf die Schule vorbereitet

• Bei uns: letztes Bundesgesetz, das wir im Land umgesetzt haben, dass nun auch in den HS Sprachförderkurs durchgeführt werden dürfen.

• Wir lassen es zu, dass die Kinder bis zu ihrem Pflichtschulabschluss den anderen nachhinken – teilweise sind Unterschiede von bis zu 2 Jahren feststellbar – und in weiterer Folge auch auf dem Arbeitsmarkt schwerer unterkommen.

• Das kann es doch nicht sein, ist unverantwortlich.

• Wenn 15 – 20 % aller Einschulenden nicht ausreichend Deutsch können, dann sind es schlicht und einfach 15 – 20 % zuviel.

• Ein Fünftel aller Kinder, Bildungsbiographie im Hintertreffen bis in den Arbeitsprozess und noch länger

• Bildungschancen sind mehr denn je Lebenschancen!!

• Verpflichtung und Verbindlichkeit

• Fördern und Fordern, an erster Stelle FÖRDERN, doch wir wollen alle, daher FORDERN wir auch das Erlernen der deutschen Sprache.

• Im Sinne der Kinder gibt es keine Entschuldigung, die dem Nichtannehmen von frühen Bildungsangeboten entsprechen würde.

• Interessant, der Schwenk in den Spitzen der ÖVP begrüße ihre Erkenntnis, dass alles getan werden muss, damit kein Kind auf der Strecke bleibt.

Keine zieldefinierte Aussage, weder in der Sprachproblematik, noch in der Stellungnahme zur Vorarlberger Mittelschule und ihrem Ziel noch zu einer Ganztagsschule.

Lieblingswörter sind bedarfsgerechte Formen, offen halten, ergebnisoffene Entwicklungen und Prozesse, in Absprache mit, entsprechende innovative Projekte einfordern und im eigenen Wirkungsbereich vorantreiben.

Den Ball ja schön flach halten, nach hinten spielen, wenn es vorne eng wird, nur ja keine bildungspolitischen Grundsatzentscheidungen treffen.

Doch das führt zu Verunsicherung, zu Improvisation, zu Frust und wie schon erwähnt, wenn kein Ziel definiert wird, wird aus Anfangseuphorie Gleichgültigkeit und Demotivation.

IM BUND

Reform im Bereich der gemeinsamen Ausbildung aller Pädagogen

• Gemeinsame Ausbildung aller Pädagogen

• Neues Dienst- und Besoldungsrecht

• Überarbeitung des Schulzeitgesetzes, neue Ferienzeiten

• Schulautonomie: Bedarf an Personal definieren, Materialien, Projekte und Fortbildung finanzieren.

Wertschätzung der Pädagogen und ihrer Arbeit – sind sie doch die Grundlage der Qualität des Unterrichtes.

Sie zu motivieren, ideell und finanziell, muss Bestandteil einer Bildungsreform.

So wie das Geheimnis guten Unterrichts die Beziehung zwischen Lehrer und Klasse ist, ist auch das Geheimnis einer guten Bildungsreform die Beziehung zwischen allen im Bildungsbereich tätigen.

Nur mit motivierten Mitarbeitern kann ich Erfolge einfahren.

Fordere Sie nochmals auf, nehmen Sie ihren Mut zusammen und gehen Sie neue Wege, von denen der LH gesprochen hat.

Fordere Sie nochmals auf, einen Masterplan für Vorarlberg zu errichten mit klaren Zielen.

Festhalten: Es geht nicht darum, was bereits getan wurde (Senkung Klassenschülerhöchstzahl, Spezialpool, ..), das seine guten Seiten hat und gute Absichten erkennen lässt.

Nein, es geht vielmehr darum, was noch getan werden muss, es zu erkennen, den Mut haben es auszusprechen und umzusetzen.

Es gibt viel Positives, trotzdem reicht es nicht aus.

So wie sie immer meinen, alles ist im Lot, so ist es nicht.

Den großen Teppich, den sie benötigen um alles ‚drunter zu kehren’ – den gibt es nicht.

Bildungsreformen sind nicht von heute auf morgen umzusetzen:

• Nachdenken üben

• Konzept erstellen

• aus Erfahrungen anderer Länder lernen

• Bildungspolitische Vorstöße sollen nicht zum Kraftakt zwischen den Großparteien verkommen

• Zeit, klare Meinung zu haben

• Reformen sind möglich, wenn man sie will!!

Die aktuelle Stunde vom 18.11.2009 zum nachschauen: http://www.vorarlberg.at/landtag/landtag/news-box/liveuebertragungen/aktuellestunde/18_11_2009.htm